Chiemgauer Rundschau

»Schusternazi«: Rohrdorfer Trachtler warten mit Heiterkeit, Hintersinn und Sozialkritik auf PDF
Geschrieben von: Ulf Lohmann   
Sonntag, 29. März 2009 um 00:00

Rohrdorfer Trachtler spielten Schusternazi von Ludwig ThomaGelungene Theaterpremiere in Rohrdorf führen das nachdenkenswerte Stück von Ludwig Thoma au. Rupert Wagner überzeugt mit einer für eine Laienbühne überraschend starker mimischen Ausdruckkraft.

Rohrdorf. Von einem Ludwig-Thoma-Stück erwartet der Besucher eine geballte Ladung Heiterkeit, aber auch mal hintersinnige, mal deutlich artikulierte kritische Anmerkungen zum sozialpolitischen Umfeld Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Heiterkeit gibt es reichlich bei der Aufführung des Stückes »Der Schusternazi« durch die Theatergruppe des GTEV Achentaler in Rohrdorf, und der tiefere Sinn der Posse in fünf Aufzügen – Schuster, bleib’ bei deinem Leisten – hat gerade in unserer heutigen Zeit der Raffgier und des Strebens nach »schnellem« Geld aktuelle Bedeutung.

Die Aufführung, dies sei vorweg angemerkt, steht und fällt mit der für eine Laienbühne überraschend starken mimischen Ausdruckskraft von Rupert Wagner in der Rolle des Schusters Ignaz Stangelmayer. Ihm gelingt es vorzüglich, das Bewusstsein seiner Ärmlichkeit gegenüber dem Großbauern Schallinger auszudrücken, dessen ätzende Großspurigkeit Georg Summerer gut trifft. Rupert Wagners Mimik zeigt den aus Armut und ertragenem Hohn erwachsenden Zorn, aber auch Glücksgefühle nach einem Lotteriegewinn ebenso wie Trotz, Verlorenheit in einer falschen Welt des (Geld-)Adels und die einfältige Freude, wieder als Schuster zu wissen, »wo I meine Händ hi doa muass«.


Rohrdorfer Trachtler spielten Schusternazi von Ludwig ThomaDurch einen Lotteriegewinn reich geworden, legt sich der Schusternazi nicht nur eine große Villa mit Bediensteten (Diener Johann: Klaus Biehl), Pferde und sogar ein »Automobül« zu, sondern auch – zwielichtige - Freunde, zu denen ihm sein Sekretär Siebecke (Andreas Knoll) verhilft: Prinz Walefsky, hervorragend in Gestik und Sprache dargestellt von Christof Sanftl, Baronin Kollontai (Anna Hausstetter) und Gräfin Wanieki (Marianne Osterhammer), auf die der neue Millionär sein Auge wirft. Siebecke gelingt es mit der Unterstützung durch Prinz Walefsky, den Schusternazi zu einem gigantischen finanziellen Engagement in irgendwelche transkarpatischen Wälder zu überreden, das nicht nur unermesslichen Reichtum, sondern auch eine Grafenkrone verspricht, »nicht nur fünf, nein sieben Zacken« wird sie haben!

Bei einem großen Fest, vom Ballarrangeur Wenger (Georg Brandmeier jun.) geplant, soll Amor (der englische Jockey, hinreißend in weißer Strumpfhose und pinker Bluse: Arnold Piezinger) die Grafenkrone überreichen und das ganze Dorf seinem neuen Wohltäter huldigen. Schreinermeister Brandl (eine Paraderolle für Georg Dick sen.), der in früherer Armut und neuem Reichtum trotz aller Kritik am »Spinnmoasta« immer zu seinem Schusternazi stand, hat sich, als Domestik verkleidet, unter die Ballgesellschaft gemischt. Der neue »Graf« erkennt Brandl, es kommt zum Eklat...

Und wie in Shakespeares Schauspielen das »wheel of fortune« die Figuren »up, up and down« befördert, findet sich der Schusternazi, noch in Phantasieuniform, mit Säbel und Orden behängt, auf der Polizeiwache wieder, wo er von Wachtmeister Dinglinger (Benno Westner) zum Teil mit rabiater Gewalt zur Ruhe gebracht und von Kommissar Hofmeister (leider nur eine kleine Rolle: Jakob Wagner jun.) verhört wird. Nach und nach treffen alle falschen Freunde des Schusternazi ein – von Hofmeister als »Stammkunden« in Betrügereien und Hochstapeleien erkannt und entsprechend abgeurteilt.

Rohrdorfer Trachtler spielten Schusternazi von Ludwig ThomaLetztes Bild, letzter Aufzug: Die liebevoll detailgenau dekorierte Werkstatt des Schusternazi, in dem er mit seinem Lehrbuben Hans (Thomas Grick) glücklich und zufrieden seinem Tagewerk nachgeht, weil er – seines Reichtums verlustig – eben jetzt wieder weiß, »wo I meine Händ hi doa muass«. Auch Annerl, seine im Palais und unter der sogenannten »Hotvolä«  absolut unglückliche – und, von Maria Pertl hervorragend gespielt, auch misstrauische – Tochter, ist hier wieder glücklich und darf schließlich ihren etwas »dalkerten« Freund Xaver (Simon Hausstetter), Sohn des Schreiners Brandl, mit einem langen Busserl in die Arme schließen.

Umrahmt wird diese Thoma-Aufführung in Rohrdorf von den »Achentaler Bänkelsängern« Gertraud Wiesböck und Andreas Wiesböck jun., die mit Drehorgel und Moritaten-Bildern das Geschehen auf der Bühne gesanglich erläutern. Ein netter Einfall von Spielleiter Markus Auer, dem man zur gelungenen Theaterpremiere nur gratulieren kann.

Weitere am  4. und 5. April jeweils um 20 Uhr in der Turner-Hölzl-Halle in Rohdorf. Kartenvorverkauf bei travel & more, Untere Dorfstr.4, Tel. 08032-707110.

Bild 1: Auch der Zuschauer lässt sich wie der Schusternazi von der falschen Welt des (Geld-)Adels täuschen: (v.l.) Bürgermeister Huber (Peter Westner), Feuerwehrkommandant Raithel (Jakob Limmer), Großbauer Schallinger (Georg Summerer), Gräfin Waniecki (Marianne Osterhammer), der Schusternazi (Rupert Wagner), Baronin Kollontai (verdeckt: Anna Hausstetter) und Prinz Walefsky (Christof Sanftl).

Bild 2: Zwei, die sich in Ausdruckskraft nichts schuldig bleiben: Rupert Wagner (links) als Schusternazi und Georg Dick sen. als dessen Freund Schreinermeister Brandl.

Bild 3: Die Achentaler Bänkelsänger Gertraud Wiesböck und Andres Wiesböck jun. erzählten das Geschehen in gelungener Moritaten-Manier. (Fotos von Lohmann)

 

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