Chiemgauer Rundschau

Auf den Spuren der verfließenden Zeit PDF
Geschrieben von: Inge Graichen   
Freitag, 15. Mai 2009 um 00:00

Irene Bauer-ConradRostarbeiten von Irene Bauer-Conrad im Kulturhaus Holzapfel

Tacherting-Oberbrunnham. Ein idealer Galerieraum in einer wunderschönen ländlichen Umgebung – im Kulturhaus Holzapfel im nördlichen Chiemgau sieht die Münchner Künstlerin Irene Bauer-Conrad, Teilnehmerin zahlreicher Ausstellungen und Kunstprojekte im In- und Ausland von Berlin bis Beirut, eine willkommene Abwechslung zum hektischen Kunstbetrieb der Großstädte. In der Ausstellung bei Erika Holzapfel hat Irene Bauer-Conrad diejenigen ihrer Arbeiten konzentriert, in denen sie Rost als Träger des künstlerischen Ausdrucks und als technisches Medium verwendet.

Rostende Eisenplatten drücken Leinwand ihren Stempel auf, aus abgekratztem Rost wird Farbe angerührt, Linien und Flächen aufs Ausgangsmaterial aufgebracht, Fotografien mit Nitroverdünnung, Eisenstaub und Rost überarbeitet. Wegen der wunderbaren Farbschattierungen des Rostes, wegen des Produktionsprozesses, in dem Absicht und Zufall eine spannende Verbindung eingehen, aber auch weil Rost für das Verfließen der Zeit steht, für immerwährende Veränderung und die Vergänglichkeit alles Materiellen.
Spurensuche

Doch setzt Irene Bauer-Conrad nicht der Vergänglichkeit alles Irdischen die Ewigkeit des Göttlichen entgegen wie der barocke Künstler – »Rost versinnbildlicht das unbefangene Verstreichen der Zeit«. Der Konzeptkunst nahe stehend versteht sie sich als Spurensammlerin, als Aufbewahrerin des Gewesenen. Spurensuche ist das Thema nicht nur der Rostarbeiten, sondern auch von Abformungen von Steinen und Gegenständen des Alltags, mit Stoff und Papier, in Glaskästen und Kollagen, oft strukturiert in konzeptionellen Zyklen.

Ein bedeutender Teil der im Kulturhaus Holzapfel gezeigten Arbeiten gehörte ursprünglich zu dem Ausstellungsprojekt »Imperium«, das Irene Bauer-Conrad mit dem Berliner Schriftsteller und Ausstellungskurator Walter Aue durchgeführt hat. Es ist zu verstehen als »ikonographische Recherche« zu den Künstlern Leonardo da Vinci, Giorgio de Chirico und Giorgio Morandi. Der gemeinsame Nenner der Maler aus verschiedenen Jahrhunderten sind die italienische Herkunft, aber auch Vorlieben bei der Motivwahl, das Interesse an Gebäuden und unbelebten Gegenständen, an den Gesetzmäßigkeiten des Technischen. Irene Bauer-Conrad begibt sich an die Stätten ihrer Geburt und ihres Wirkens, greift ihre Themen und Darstellungsmotive auf, unterwirft die Abbildung der Verfremdung mit Rost als Stoff, der die glatte Oberfläche des materiellen Seins zerstört.

Irene Bauer-Conrad»Mit Stein und Eisen wird man Dinge sichtbar machen, die vorher nicht zu sehen waren.«
Insbesondere die Beschäftigung mit Werk und Philosophie des Renaissancemenschen Leonardo da Vinci erweist sich als fruchtbar für den eigenen Ansatz Irene Bauer-Conrads. In den Leonardo gewidmeten Bildern verschmelzen Spurensuche und gedankliche Auseinandersetzung zu einer Einheit, aus der die eigenständige künstlerische Aussage entsteht. Viermal »Hommage an Leonardo« heißt vier verschiedene Blickwinkel und Verfahrensweisen, Fundstücke, Steine aus Vinci finden Verwendung – und ein Buchumschlag, Reflexionen von Leonardo werden zitiert.


»Mit Stein und Eisen wird man Dinge sichtbar machen, die vorher nicht zu sehen waren.«

Diese Aussage aus dem Codex Atlanticus Leonardos könnte als Maxime über dem Werk Irene Bauer-Conrads stehen – Kunst, die es sich zur Aufgabe macht, Vorhandenes erkennbar zu machen, von dem Gegebenen ausgeht, nicht den Selbstausdruck des künstlerischen Ichs in den Vordergrund stellt. Doch unabhängig vom konzeptionellen Ansatz entfalten die Rostbilder Irene Bauer-Conrads ihre besondere ästhetische Wirkung, machen den Ausstellungsrundgang im Kulturhaus Holzapfel zum sinnlichen Erlebnis.

Die Ausstellung ist noch bis 24. Mai geöffnet und kann donnerstags und freitags von 17 Uhr bis 20 Uhr und samstags und sonntags von 16 Uhr bis 20 Uhr besichtigt werden.

Bild 1:
Irene Bauer-Conrad im Gespräch – dreimal »Hommage an Leonardo«

Bild 2:

Leonardo-Kollage - Hommage an Leonardo«, Rost, Eisenpigment, Objekte auf Leinen, 130 x 165 cm

Fotos: Graichen